Ratgeber · Methodik & Historie

Vergessenskurve nach Ebbinghaus 1885: Wie ein Berliner Psychologe sinnlose Silben zum Maßstab fürs Gedächtnis machte

Hermann Ebbinghaus hat 1885 in Berlin den ersten quantitativen Beleg für die Vergessenskurve geliefert. Wir gehen seine Selbstexperimente mit sinnlosen Silben durch, schauen auf die exponentielle Formel und erklären, was die moderne Stockholm-Replikation 2015 davon übrig gelassen hat.

7 Min Lesezeit 1.496 Wörter 5 FAQs
Jan-Tristan Rudat
Jan-Tristan RudatRedakteur · Lerngeschichts-Recherche
Geprüft am

Wer heute mit Anki oder SuperMemo lernt, sitzt auf der Arbeit eines Berliner Psychologen aus dem 19. Jahrhundert. Hermann Ebbinghaus hat 1879 angefangen, sich selbst sinnlose Silben einzuprägen, hat über Monate hinweg gemessen, wie viele er nach 20 Minuten, einer Stunde, einem Tag und einem Monat noch erinnern konnte, und hat 1885 die Ergebnisse als Buch veröffentlicht. Das Resultat ist die Vergessenskurve, eine der wenigen psychologischen Befunde aus dem 19. Jahrhundert, die sich auch im 21. Jahrhundert noch reproduzieren lassen.

Wer Ebbinghaus war

Hermann Ebbinghaus wurde 1850 in Barmen geboren, studierte Geschichte, Philologie und Philosophie an der Universität Bonn und promovierte 1873 mit einer Arbeit über die Wahrscheinlichkeits-Theorie von Eduard von Hartmann. Nach mehreren Jahren als Privatlehrer in England und Frankreich kehrte er nach Berlin zurück, wo er 1880 habilitierte und Privatdozent wurde.

In Berlin begegnete er der noch jungen experimentellen Psychologie, die in Leipzig von Wilhelm Wundt 1879 begründet worden war. Ebbinghaus wollte beweisen, dass auch komplexere mentale Prozesse wie das Gedächtnis quantitativ messbar sind. Das war zur damaligen Zeit umstritten, weil viele Philosophen das Bewusstsein für nicht-messbar hielten.

Seine Lösung: ein streng kontrolliertes Selbstexperiment. Er saß über Jahre in seinem Berliner Arbeitszimmer, prägte sich sinnlose Silben ein, las sie laut vor, machte Pausen von definierter Länge, versuchte sie wieder aufzusagen und notierte minutiös, wie viele Wiederholungen er brauchte, bis er eine Liste perfekt konnte. Die Daten sammelte er über Jahre und veröffentlichte sie 1885 als Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie.

Warum sinnlose Silben

Ebbinghaus hatte ein methodisches Problem. Wenn er sich echte Wörter wie Liebe, Krieg oder Berlin einprägt, sind die Behaltens-Leistungen nicht vergleichbar, weil unterschiedliche Wörter unterschiedlich starke Assoziationen wecken. Liebe ist emotional aufgeladen, Krieg ebenfalls, Berlin hat einen persönlichen Bezug, weil er dort wohnte. Diese unkontrollierten Variablen würden seine Messungen verfälschen.

Seine Lösung waren die berühmten sinnlosen Silben. Drei Buchstaben in der Form Konsonant-Vokal-Konsonant, also etwa wid, gop, tuk, baf, fim. Die sollten in der deutschen Sprache keine Bedeutung haben und keine semantischen Assoziationen wecken. Ebbinghaus generierte mehrere tausend solcher Silben und stellte daraus Listen von acht bis zwölf Silben zusammen, die er auswendig lernte.

Das war ein cleverer Trick, aber auch eine methodische Schwäche. Sinnlose Silben sind nicht repräsentativ für das, was Menschen im Alltag lernen. Im Alltag lernen wir Vokabeln in einer Fremdsprache (mit semantischer Anknüpfung), historische Fakten (in einen narrativen Kontext eingebettet), Gesichter (mit emotionalen Erinnerungen). Die Gedächtnis-Mechanismen bei diesen realistischen Lern-Inhalten sind komplexer als bei sinnlosen Silben. Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus gilt also streng genommen nur für die spezielle Kategorie nicht-assoziativer Lern-Stoff. Trotzdem ist sie eine brauchbare erste Näherung für die meisten Lern-Situationen.

Die Messmethode im Detail

Ebbinghaus arbeitete mit der Ersparnis-Methode (savings method). Er lernte eine Liste von Silben bis zur perfekten Wiedergabe, notierte die Anzahl der nötigen Wiederholungen (etwa 12 Wiederholungen für 12 Silben). Dann ließ er eine definierte Zeit verstreichen, von 20 Minuten bis zu 31 Tagen. Danach lernte er die gleiche Liste erneut bis zur perfekten Wiedergabe und notierte wieder die nötige Wiederholungs-Anzahl (etwa 8 Wiederholungen nach 24 Stunden Pause).

Die Differenz (12 minus 8 ist 4 Wiederholungen weniger nötig) interpretierte er als gespeicherte Information. In Prozent ausgedrückt: 4 von 12 Wiederholungen gespart bedeutet 33 Prozent Behaltensrate.

Diese indirekte Mess-Methode hat zwei Vorteile. Erstens vermeidet sie das Problem der unklaren Wiederabruf-Schwelle (was zählt als korrekte Erinnerung, wenn die Silbe nur halb stimmt). Zweitens ist sie sensibler als ein direkter Wiederabruf-Test, weil sie auch sehr schwache Spuren erfasst, die für die volle Reproduktion nicht reichen, aber die nächste Lern-Sitzung erleichtern.

Die Vergessenskurve, Punkt für Punkt

Ebbinghaus hat seine Messwerte in einer Tabelle veröffentlicht. Die Behaltens-Quoten in seinem Experiment:

  • nach 20 Minuten: 58 Prozent
  • nach 1 Stunde: 44 Prozent
  • nach 9 Stunden: 36 Prozent
  • nach 1 Tag: 33 Prozent
  • nach 2 Tagen: 28 Prozent
  • nach 6 Tagen: 25 Prozent
  • nach 31 Tagen: 21 Prozent

Diese Daten passen mathematisch zu einer exponentiellen Funktion R = e hoch minus t durch S, wobei S ein individueller Stabilitäts-Parameter ist. Für Ebbinghaus’ Silben mit einer Lerntiefe von 12 Wiederholungen ergibt sich S etwa 1.25 Tage. Das bedeutet: nach 1.25 Tagen ist die Retention auf etwa 37 Prozent gefallen, das ist die Standard-Definition für die charakteristische Zeitkonstante eines exponentiellen Zerfalls.

<text class="axisLabel" x="360" y="30">Vergessenskurve nach Ebbinghaus 1885</text>

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<text class="axisLabel" x="40" y="160" transform="rotate(-90 40 160)">Retention</text>
<text class="axisLabel" x="380" y="305">Zeit nach Lernen</text>
Die Retention fällt zuerst steil und flacht nach etwa einem Tag deutlich ab. Die gelbe Markierung bei 33 Prozent nach einem Tag ist der historische Referenzwert.

Die Stockholm-Replikation 2015

130 Jahre nach Ebbinghaus haben Jaap Murre und Joeri Dros an der Universität Amsterdam in Kooperation mit dem Karolinska-Institut Stockholm die Originalstudie repliziert. Sie haben 250 Probanden rekrutiert und mit sinnlosen Silben in identischer Versuchsanordnung getestet. Die Ergebnisse erschienen 2015 in PLoS ONE unter dem Titel Replication and Analysis of Ebbinghaus’ Forgetting Curve und sind frei zugänglich.

Das zentrale Resultat: die Vergessenskurve ist robust. Die modernen Probanden zeigten leicht abweichende Werte (28 Prozent nach einem Tag statt 33 Prozent bei Ebbinghaus, 23 Prozent nach sechs Tagen statt 25 Prozent), aber die exponentielle Form der Kurve ist erhalten. Die Abweichungen liegen im Bereich der individuellen Varianz und können auch durch die andere Sprachgrundlage erklärt werden (Niederländisch und Schwedisch statt Deutsch).

Das ist methodisch wichtig, weil die experimentelle Psychologie in den letzten zehn Jahren eine Reproduzierbarkeits-Krise erlebt. Viele klassische Befunde, etwa das Stanford-Prison-Experiment oder die Power-Pose-Studie, halten in modernen Replikationen nicht. Ebbinghaus hält. Das macht die Vergessenskurve zu einem der wenigen Befunde aus dem 19. Jahrhundert, auf den moderne Lerntheorie sich verlassen kann.

Was Spaced Repetition daraus macht

Wenn das Gedächtnis exponentiell vergisst, dann gibt es einen optimalen Zeitpunkt für Wiederholungen. Zu früh ist Verschwendung (du erinnerst dich noch fast vollständig, das Re-Lernen bringt wenig zusätzliche Stabilität). Zu spät ist auch Verschwendung (du musst die Karte komplett neu lernen, der Vorsprung aus dem vorigen Lernen ist verloren).

Der optimale Zeitpunkt liegt knapp vor dem Schwellwert, an dem die Retention auf etwa 80 bis 90 Prozent gefallen ist. Genau dort liefert eine Wiederholung den größten Stabilitäts-Gewinn. Das ist die mathematische Basis für alle Spaced-Repetition-Algorithmen von SM-2 bis FSRS.

In SM-2 wird der Schwellwert über den Ease-Factor und die Intervall-Multiplikation indirekt approximiert. In FSRS wird er explizit als Zielwert für die Retrievability angegeben und das nächste Intervall so berechnet, dass die Karte zu diesem Zeitpunkt fällig ist. Beide Algorithmen sind direkte Anwendungen der Ebbinghaus-Erkenntnis.

Was hängenbleibt

Hermann Ebbinghaus hat 1885 in Berlin den ersten quantitativen Beleg für die exponentielle Vergessenskurve geliefert. Seine Methode mit sinnlosen Silben und der Ersparnis-Mess-Technik war methodisch innovativ und hat 130 Jahre überlebt. Die Stockholm-Replikation 2015 hat die Befunde quantitativ bestätigt: nach einem Tag erinnern wir etwa ein Drittel des Gelernten, nach einem Monat ein Fünftel, der Verfall fällt exponentiell mit der Zeit. Diese Erkenntnis ist die mathematische Grundlage für jeden modernen Spaced-Repetition-Algorithmus. Wer SM-2 oder FSRS nutzt, sitzt auf den Schultern eines preußischen Privatdozenten, der über Jahre allein in seinem Arbeitszimmer Buchstaben-Kombinationen ohne Bedeutung auswendig lernte, um zu beweisen, dass Gedächtnis messbar ist.

FAQ

Häufige Fragen

Wer war Hermann Ebbinghaus und warum hat er die Forschung an sich selbst durchgeführt?

Hermann Ebbinghaus (1850 bis 1909) war Philosoph und Psychologe in Berlin und später in Breslau und Halle. Er gilt als Mitbegründer der experimentellen Gedächtnisforschung. Die Selbstexperimente waren eine pragmatische Notwendigkeit: 1879 bis 1885 gab es noch keine etablierten Methoden für Gedächtnistests an Probanden, und die nötige Disziplin und Geduld für monatelange tägliche Mess-Sessions war bei externen Probanden schwer zu organisieren. Ebbinghaus hat sich also selbst zum Probanden gemacht, was methodisch problematisch ist (Selbsttäuschung, Übungseffekte, mangelnde Generalisierbarkeit), aber damals der einzige praktikable Weg war. Sein 1885er Werk Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie wurde trotzdem zur Grundlage der gesamten experimentellen Gedächtnisforschung und ist heute frei verfügbar im Internet Archive.

Was sind sinnlose Silben und warum hat Ebbinghaus sie verwendet?

Sinnlose Silben sind Drei-Buchstaben-Kombinationen aus Konsonant plus Vokal plus Konsonant, die keine Bedeutung haben. Beispiele: wid, gop, tuk, baf, fim. Ebbinghaus hat sie verwendet, weil er die Variable Vorwissen ausschließen wollte. Wenn er sich echte Wörter wie Haus oder Liebe einprägen würde, hätten unterschiedliche Wörter unterschiedliche emotionale oder semantische Anknüpfungspunkte. Das Wort Mutter ist leichter zu behalten als ein zufälliges Wort wie Tuxnab, weil es Assoziationen weckt. Sinnlose Silben sollen diesen Effekt minimieren und reine Memorierungs-Leistung messen. Methodisch ist das ein cleverer Trick, allerdings auch eine Schwäche: das Gedächtnis funktioniert in der Realität immer mit Assoziationen, und sinnlose Silben sind ein künstliches Konstrukt, das die ökologische Validität reduziert. Trotzdem sind sie bis heute ein Standard in der Gedächtnisforschung.

Wie sieht die Vergessenskurve mathematisch genau aus?

Ebbinghaus hat empirisch beobachtet, dass die Anzahl der behaltenen Items mit der Zeit exponentiell abnimmt. Die moderne Formulierung ist R = e hoch minus t durch S, wobei R die Retention (zwischen 0 und 1) ist, t die verstrichene Zeit und S ein Stabilitäts-Parameter, der von der Karten-Charakteristik und der Anzahl der vorherigen Wiederholungen abhängt. Im konkreten Ebbinghaus-Experiment zeigte sich nach 20 Minuten eine Behaltensrate von etwa 60 Prozent, nach einer Stunde 44 Prozent, nach neun Stunden 36 Prozent, nach einem Tag 33 Prozent, nach sechs Tagen 25 Prozent, nach 31 Tagen 21 Prozent. Der Verfall ist also nicht linear, sondern fällt zuerst steil und flacht dann ab. Diese Asymptote bei etwa 20 Prozent (die Items, die fest verankert sind) wurde später als Langzeitgedächtnis interpretiert. Die moderne FSRS-Mathematik baut direkt auf dieser exponentiellen Zerfalls-Annahme auf.

Was hat die Stockholm-Replikation 2015 herausgefunden und warum war sie wichtig?

Jaap Murre und Joeri Dros haben 2015 in PLoS ONE Ebbinghaus 130-jährige Originaldaten nach moderner Methodik repliziert. Sie haben 250 Probanden mit sinnlosen Silben getestet, in identischer Versuchsanordnung wie Ebbinghaus, und die Behaltensraten über sieben Zeitintervalle gemessen (20 Minuten bis 31 Tage). Das Ergebnis: die Replikation hat Ebbinghaus quantitativ bestätigt. Die mittlere Behaltensrate nach einem Tag lag bei den modernen Probanden bei 28 Prozent (Ebbinghaus 33 Prozent), nach sechs Tagen bei 23 Prozent (Ebbinghaus 25 Prozent). Die exponentielle Form der Vergessenskurve ist robust und reproduzierbar. Das ist methodisch wichtig, weil viele 19.-Jahrhundert-Studien sich in modernen Replikationen nicht halten, der berühmte Reproduzierbarkeits-Krise-Effekt in der Psychologie. Ebbinghaus hält. Die Stockholm-Studie ist frei zugänglich unter PLoS ONE und gehört zur Pflicht-Literatur für jeden, der Spaced Repetition wissenschaftlich begründen will.

Wie nutzt Spaced Repetition die Ebbinghaus-Erkenntnis konkret?

Die zentrale Anwendung: wenn das Gedächtnis exponentiell abnimmt, dann ist die optimale Wiederholung genau zum Zeitpunkt, wenn die Retention auf einen definierten Schwellwert fällt (typisch 90 Prozent in FSRS, oder etwa 85 bis 90 Prozent in SM-2). Eine Wiederholung kurz vor diesem Punkt liefert die größte Stabilitäts-Erhöhung und verlängert das nächste Intervall überproportional. Das ist die mathematische Grundlage für die wachsenden Wiederholungs-Intervalle in allen Spaced-Repetition-Algorithmen. Ohne die exponentielle Vergessenskurve würde es keine Begründung für die Sequenz 1, 6, 14, 32, 71 Tage geben, alle Intervalle wären gleich lang. Erst die exponentielle Form rechtfertigt das exponentielle Wachstum der Intervalle. spaced-repetition.de zeigt diese Sequenz für SM-2 explizit an und kommentiert die Verbindung zur Vergessenskurve im Trust-Layer.

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Quellen

Worauf dieser Ratgeber sich stützt

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