Ratgeber · Methodik & Historie
SuperMemo, Wozniak, Anki und FSRS: Die 40-jährige Geschichte der Spaced-Repetition-Software
Spaced Repetition ist nicht erst gestern erfunden worden. Wir zeichnen die Geschichte von Piotr Wozniaks SuperMemo 1.0 für DOS 1985 über Anki 2006 bis zum FSRS-Algorithmus 2023 nach und zeigen die Schlüssel-Momente.
Spaced-Repetition-Software hat eine 40-jährige Geschichte, die in einem polnischen Studenten-Zimmer 1985 anfängt und über mehrere Generationen von Lern-Apps bis zum heutigen FSRS-Algorithmus führt. Wer den Stand 2026 verstehen will, sollte die wichtigsten Stationen kennen. Wir gehen sie chronologisch durch.
1985: Piotr Wozniak und SuperMemo 1.0 für DOS
Piotr Wozniak war 22 Jahre alt und studierte Molekularbiologie in Posen, Polen. Er hatte das Problem, das jeder polnische Naturwissenschafts-Student damals hatte: die ganze relevante Fachliteratur war englisch, das eigene Vokabular war polnisch. Er musste 8.000 bis 10.000 englische Wörter lernen, plus Fakten aus Biologie, Chemie und Medizin.
Klassische Karteikasten-Methoden waren ihm zu unsystematisch. Er hat zwei Jahre lang experimentiert, hat verschiedene Wiederholungs-Rhythmen mit eigenen Vokabel-Listen getestet und seine Behaltens-Daten in Notizbüchern protokolliert. 1985 hatte er die ersten Intervall-Sequenzen empirisch abgeleitet, etwa 1 Tag, 6 Tage, dann multiplikative Verlängerung.
Mit 8.000 Vokabeln war das händische Verwalten unzumutbar. Er hat angefangen, das Ganze als Pascal-Programm zu implementieren. Sein PC war ein Mazovia 1016 mit 4 MHz Intel-8086-Kompatibel-Prozessor und 640 KB Arbeitsspeicher. Das Programm hieß SuperMemo 1.0 und lief auf DOS. Wozniak hat es zuerst als persönliches Tool genutzt, später an Kommilitonen weitergegeben.
1987: SM-2 als wissenschaftliche Publikation
Aus den Erfahrungen mit SuperMemo 1.0 hat Wozniak 1987 die Diplomarbeit Optimization of Learning geschrieben, in der er den SM-2-Algorithmus formal publizierte. Das ist die Geburtsstunde der Spaced Repetition als wissenschaftliche Methode. Die Formel für den Ease-Factor-Update und die Intervall-Berechnung, die du in jedem heutigen Anki-Manual findest, stehen exakt so 1987 in seiner Arbeit.
Die Diplomarbeit wurde 1990 als Paper unter dem Titel Optimization of repetition spacing in learning veröffentlicht. Sie ist heute frei verfügbar auf supermemo.com und gehört zur Pflicht-Lektüre für jeden, der Spaced Repetition wissenschaftlich begründen will.
SM-2 ist seit der Publikation Public Domain. Das war Wozniaks bewusste Entscheidung, weil er die Verbreitung der Idee wollte. Alle späteren SuperMemo-Versionen (SM-3 bis SM-18, Stand 2026) sind proprietär und kommerziell bei SuperMemo World in Poznan. Aber SM-2 darf jeder frei verwenden, und genau das haben in den folgenden Jahrzehnten dutzende Open-Source-Projekte getan.
<text class="event" x="360" y="30">Software-Geschichte der Spaced Repetition</text>
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<text class="desc" x="100" y="118">Wozniak, Pascal/DOS</text>
<text class="desc" x="100" y="132">8.000 Vokabeln</text>
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<text class="event" x="200" y="232">SM-2 Paper</text>
<text class="desc" x="200" y="248">Public Domain</text>
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<text class="desc" x="640" y="248">Jarrett Ye, MIT</text>
<text class="desc" x="640" y="262">Anki 23.10 Default</text>
1998: SuperMemo Web und die erste Browser-Version
Wozniak und seine Firma SuperMemo World haben 1998 die erste Web-basierte Version veröffentlicht. Sie war Java-Applet-basiert, was damals Standard war, ist heute aber natürlich nicht mehr lauffähig. Die Web-Version war kostenpflichtig (Abonnement) und konnte mit der Desktop-Version Daten synchronisieren.
Diese Phase ist historisch wichtig, weil sie zeigt, dass das Geschäftsmodell der Spaced-Repetition-Software früh zwischen freiem Open Source (SM-2-basiert) und kostenpflichtigem Premium (spätere SM-Versionen plus Cloud-Sync) divergierte. Die kostenpflichtige Linie hat bei SuperMemo World, Mnemosyne Plus und einigen anderen überlebt, der Open-Source-Zweig ist mit Anki und seinen Klonen dominant geworden.
2006: Anki und die Open-Source-Welle
Damien Elmes, ein australischer Software-Entwickler in Tokio, hat 2006 angefangen, Anki als Open-Source-Klon von SuperMemo zu schreiben. Sein Motiv: er lernte Japanisch mit SuperMemo, war aber unzufrieden mit der Windows-only-Einschränkung und der proprietären Lizenz. Anki sollte Multi-Plattform sein (Windows, Mac, Linux) und Open Source bleiben.
Die erste öffentliche Anki-Version war 0.6 im Mai 2007. Die Implementierung war Python mit PyQt als GUI, was 2007 eine moderne Wahl war, heute aber als etwas altbacken gilt. Anki hat von Anfang an SM-2 als Algorithmus verwendet, weil das der einzige frei verwendbare SuperMemo-Algorithmus war.
Über die Jahre hat Anki sich zur dominanten Spaced-Repetition-App entwickelt. iOS-Version 2010 (kostenpflichtig, finanziert das gesamte Anki-Ökosystem). Android-Version 2011 (kostenlos, Community-Maintenance). AnkiWeb ab 2009 als Cloud-Sync und Web-Klient. Heute hat Anki geschätzte 10 Millionen aktive Nutzer, mit Schwerpunkt in Medizin-Studium und Sprachenlernen.
2018: Mnemosyne 2 und die Anki-Konkurrenz
Mnemosyne ist die andere große Open-Source-Spaced-Repetition-App. Sie startete 2003 als reines Vokabel-Lern-Tool, wurde 2018 als Mnemosyne 2 komplett neu geschrieben mit modernerem GUI und Python 3. Mnemosyne hat eine Eigenheit: es speichert alle Review-Daten anonymisiert in einer zentralen Forschungs-Datenbank, die für die Spaced-Repetition-Forschung frei zugänglich ist. Wozniak nutzt diese Datenbank, ebenso Jarrett Ye bei der FSRS-Entwicklung.
In der Praxis ist Mnemosyne weniger verbreitet als Anki, hat aber eine treue Community von Forschern und Lehrkräften. Der Algorithmus ist eine leicht modifizierte Variante von SM-2 mit einigen Verbesserungen aus späteren SuperMemo-Versionen (etwa eine bessere Behandlung von neu gelernten Karten).
2023: FSRS und die statistische Revolution
Jarrett Ye, ein chinesischer Student und Forscher, hat 2023 unter dem Titel A Stochastic Shortest Path Algorithm for Optimizing Spaced Repetition Scheduling den FSRS-Algorithmus publiziert. Das Paper erschien auf arXiv und der Code wurde unter MIT-Lizenz auf GitHub veröffentlicht (github.com/open-spaced-repetition/fsrs4anki).
FSRS war von Anfang an als Anki-Plugin konzipiert und wurde von der Anki-Community schnell adoptiert. Damien Elmes hat 2023 entschieden, FSRS in Anki 23.10 als optionalen Algorithmus zu integrieren, und ab Anki 24.04 als Default für neue Decks zu setzen. Das war die größte algorithmische Veränderung in Anki seit der Entstehung 2006.
FSRS unterscheidet sich von SM-2 in zwei Punkten. Erstens: es ist ein statistisches Modell (Drei-Komponenten-Theorie Stability/Difficulty/Retrievability), keine Heuristik. Zweitens: es hat einen automatisch optimierten 17-Parameter-w-Vector, der pro Lerner auf die Review-Historie angepasst wird. Beides macht FSRS effizienter, vor allem bei großen Decks ab 5.000 Karten.
Was kommt als Nächstes
Algorithmisch ist nach FSRS für die nächsten fünf bis zehn Jahre keine große Revolution zu erwarten. FSRS ist mathematisch sehr nah am theoretischen Optimum, weitere Verbesserungen werden im einstelligen Prozent-Bereich liegen und sind den Aufwand kaum wert.
Wo es Bewegung gibt, ist die Integration mit anderen Tools. KI-Generierung von Karteikarten aus Texten (via GPT, Claude oder lokalen Modellen) ist in Mochi und RemNote bereits Standard, kommt 2025 auch in Anki über Plugins. Notion- und Obsidian-Integrationen vereinen Notizen und Karteikarten in einem Workflow. Multi-modale Karten (Bild plus Audio plus Text) werden besser unterstützt.
Spaced-Repetition-Software bleibt also relevant, aber sie wird weniger ein Standalone-Tool sein und mehr ein eingebauter Bestandteil größerer Lern- und Notiz-Ökosysteme.
Was hängenbleibt
Spaced-Repetition-Software hat eine klare Genealogie. Piotr Wozniak hat 1985 mit SuperMemo 1.0 für DOS angefangen, 1987 SM-2 als Public-Domain-Algorithmus publiziert, was bis heute die Grundlage für alle Open-Source-Implementierungen ist. Damien Elmes hat 2006 mit Anki den dominanten Open-Source-Karteikasten geschrieben, der heute schätzungsweise 10 Millionen Nutzer hat. Mnemosyne, RemNote und einige andere Tools sind kleinere Konkurrenten mit eigenen Stärken. Jarrett Ye hat 2023 mit FSRS die nächste algorithmische Generation eingeleitet, die seit Anki 23.10 die neue Default-Wahl ist. spaced-repetition.de implementiert SM-2, FSRS und Simple-2-3-5-7 nebeneinander und zeigt damit beide Algorithmen-Generationen in einem Tool.
FAQ
Häufige Fragen
Was hat Piotr Wozniak vor SuperMemo 1.0 gemacht?
Wozniak war 1982 Student der Molekularbiologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, Polen. Er hatte ein praktisches Problem: er musste enorme Mengen englisches Vokabular und biologische Fakten lernen, weil die polnische Universitäts-Literatur Anfang der 80er Jahre weitgehend englisch war. Die klassischen Karteikasten-Methoden waren ihm zu unsystematisch. Er hat zwei Jahre mit verschiedenen Wiederholungs-Rhythmen experimentiert, hat seine Lern-Daten in Notizbüchern protokolliert und 1985 die ersten Intervall-Sequenzen empirisch abgeleitet. Erst 1985 hat er angefangen, das Ganze als Programm zu implementieren, weil das händische Verwalten mit 8.000 Vokabeln unzumutbar wurde. SuperMemo 1.0 war also nicht das erste, sondern bereits die zweite oder dritte Iteration seiner Methode. Die Pascal-Implementierung war eher die Notwendigkeit aus Verwaltungs-Aufwand als die Erfindung einer neuen Lernmethode.
Wieso wurde SM-2 zur Standard-Implementierung und nicht spätere Versionen?
SuperMemo 2 (SM-2) ist 1987 in Wozniaks Diplomarbeit Optimization of Learning publiziert worden und ist das einzige Mitglied der SuperMemo-Algorithmus-Familie, das Public Domain ist. SM-3 bis SM-18 (aktuelle Version Stand 2026) sind alle proprietär und kommerziell bei SuperMemo World in Poznan. Die Lizenzierung der späteren Algorithmen ist teuer und für Open-Source-Projekte praktisch unmöglich. Deshalb haben Anki, Mnemosyne, RemNote und alle anderen freien Karteikasten-Programme SM-2 als Grundlage genommen. SuperMemo World hat das nie unterbunden, weil SM-2 ja explizit zur freien Verwendung publiziert wurde. Wozniak selbst hat in mehreren Blog-Posts auf supermemo.guru die Open-Source-Verbreitung von SM-2 begrüßt und sieht sie als wichtigen Beitrag zur Verbreitung der Spaced-Repetition-Idee. Die Effizienz-Unterschiede zwischen SM-2 und etwa SM-15 sind im einstelligen Prozent-Bereich, also nicht so groß, dass die Open-Source-Welt darunter leiden würde.
Wer war Damien Elmes und warum hat er Anki entwickelt?
Damien Elmes ist ein australischer Software-Entwickler, der ab 2003 in Tokio gelebt und Japanisch gelernt hat. Wie Wozniak hatte auch er das praktische Problem, große Mengen Vokabular und Kanji zu memorieren. Er hat erst SuperMemo selbst genutzt, war aber unzufrieden mit dem damaligen Windows-only-Status und der proprietären Lizenz. 2006 hat er angefangen, Anki als Open-Source-Klon zu schreiben, in Python mit PyQt als GUI. Der Name Anki kommt vom japanischen 暗記, was Memorisieren oder Auswendiglernen bedeutet. Anki war von Anfang an Multi-Plattform (Windows, Mac, Linux, später iOS und Android) und unter AGPL veröffentlicht. Elmes hat es jahrelang als Side-Project gepflegt, 2012 als Vollzeit-Beschäftigung übernommen und finanziert sich seitdem über AnkiMobile (die kostenpflichtige iOS-App). AnkiDroid für Android und Anki Desktop bleiben kostenlos. Heute hat Anki schätzungsweise 10 Millionen aktive Nutzer weltweit, mit Schwerpunkt in Medizin-Studium und Sprachenlernen.
Was war neu an FSRS gegenüber SM-2?
FSRS hat 2023 zwei zentrale Innovationen gebracht. Erstens: ein explizites statistisches Modell statt einer Heuristik. Wozniak hatte SM-2 empirisch abgeleitet, ohne dahinter eine geschlossene Theorie zu haben. Jarrett Ye hat die Drei-Komponenten-Theorie des Gedächtnisses (Stability, Difficulty, Retrievability) formalisiert und daraus die optimalen Update-Regeln deduziert. Zweitens: automatische Parameter-Optimierung pro Lerner. SM-2 hat feste Konstanten (etwa Ease-Start 2.5, Bootstrap-Intervalle 1 und 6 Tage), die für alle Lerner gleich sind. FSRS hat einen w-Vector mit 17 Parametern, der per Maximum-Likelihood auf die individuelle Review-Historie optimiert wird. Wer fünf Jahre Anki-Daten hat, bekommt damit einen für sich persönlich optimierten Algorithmus, der auch deine speziellen Schwächen (etwa Schwierigkeiten mit asiatischen Schriftzeichen) berücksichtigt. Das ist mathematisch elegant, kostet aber Rechenzeit und braucht ausreichend Daten (mindestens 1.000 Reviews) für saubere Optimierung.
Wie geht es mit Spaced-Repetition-Software in Zukunft weiter?
Drei sichtbare Trends. Erstens: Integration mit KI-Generierung. Tools wie Mochi und RemNote experimentieren mit Auto-Generation von Karteikarten aus Texten via GPT oder Claude. Das ist effizient für die Karten-Erstellung, hat aber Qualitäts-Risiken (KI-generierte Karten sind oft zu detailreich oder zu vage). Zweitens: Multi-Modale Karten. Anki hat über Plugins schon Audio-Karten, Cloze-Deletion und Bilder. RemNote und ähnliche Tools gehen Richtung integrierte Notiz-und-Karteikarten-Workflows. Drittens: Verschmelzung mit Workflow-Tools. Ankis Standalone-Existenz ist ungewöhnlich für 2025, alle anderen Lern-Tools sind in Notion, Obsidian, Logseq oder ähnliche Plattformen integriert. Eine Anki-Notion-Integration via Plugin ist seit 2024 verfügbar und wird viel genutzt. Algorithmisch ist nach FSRS für die nächsten fünf bis zehn Jahre keine große Revolution zu erwarten, FSRS ist bereits sehr nah am theoretischen Optimum. Was sich verbessern wird, ist die User-Experience drumherum.
Quellen
Worauf dieser Ratgeber sich stützt
- SuperMemo Guru: History of SuperMemo (Wozniak-Selbstdarstellung)
- Anki About: History and Mission von Damien Elmes
- Ye et al.: A Stochastic Shortest Path Algorithm for FSRS (arXiv 2023)
- Wikipedia: SuperMemo (Programm- und Algorithmus-Familie)
- Wired: Want to Remember Everything You'll Ever Learn? Surrender to This Algorithm (2008-Profil über Wozniak)
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